Wenn alle geben – wer nimmt dann?

„Geben ist seliger denn nehmen“

(Neues Testament)

Wirklich? Ich glaube nicht. Nicht immer. Nicht uneingeschränkt.

herzrocker.de - wenn alle geben wer nimmtAlso, versteh mich nicht falsch. Dies ist KEIN Plädoyer für Raffgierige und Schmarotzer. Nein, ganz und gar nicht. Da gehe ich eher mit der Idee des Karmas, dass zu uns zurückkehrt was wir senden. Auch schon in diesem Leben, nicht erst später. Ich bin durchaus dafür, dass wir nicht nur nehmen, sondern auch geben. Worauf ich heute hinaus will: Auch nehmen will gelernt sein. Denn es ist völlig ok, hier und da zu nehmen.

Geben IST selig

Ich finde, es macht total Spaß. Eine besondere Köstlichkeit besorgen für die Freundin, die so gerne Exotisches probiert und in fremde Länder reist. Meinem Freund ein leckeres Mahl kochen. Eine Postkarte an einen lieben Menschen schicken, wenn ich gerade an ihn denke. Es gibt so herrlich viele Möglichkeiten, anderen eine Freude zu machen. Im Kleinen wie im Großen. Manches kostet kein Geld, ist jedoch total wertvoll. In anderen Fällen kann es schon mal ein kleines oder großes Vermögen kosten.

Ich finde Geben eine großartige Sache. Es macht mir total Spaß, das Leben einer anderen Person zu bereichern, egal, auf welcher Ebene. Doch

der Prozess hat zwei Seiten

Zum Geben benötigt es jemanden, der nimmt. Und am besten sollte diese Person das, was kommt, GERNE annehmen. Wenn das nicht der Fall ist…

Kürzlich habe ich einen Kuchen gebacken. Als Anlass nahm ich einen Besuch bei meiner Oma, die zurzeit im Krankenhaus liegt. Ich wollte ihr eine Freude machen. (Ja, und all den anderen auch, die etwas abbekommen würden.) Nun is(s)t meine Oma allerdings etwas speziell. Und so kam, was kommen musste. Kaum hatte sie die erste Brombeere an den Lippen, spuckte sie sie auch schon wieder aus. „Die ist zu sauer!“ Den Rest wollte sie dann später essen.

Ehrlich gesagt hatte ich schon beim Backen geahnt, dass es irgendetwas an diesem Kuchen auszusetzen geben würde. Diese kleine Stimme in mir, der ich nicht sehr oft Raum gebe, wurde immer penetranter und sagte mir schon während des Backens, was ich alles falsch machte. Und je lauter sie wurde, desto geringer wurde mein Spaß an der Tätigkeit.

Geben, wenn’s keiner haben will, ist voll zum Kotzen

Sowohl in dem Moment, in dem Oma ihre Abneigung gegen das Geschenk wortwörtlich ausspuckte. Als auch im Vorfeld, als ich ahnte, dass irgendetwas schief gehen würde. Als auch im Nachklang, als ich das ungegessene Stück zurück ließ und mich die Ahnung beschlich, dass es abends im Müll landen würde.  Ok, genug lamentiert. Nächstes Mal nehme ich einfach Blumen mit zu Oma, darüber freut sie sich auf jeden Fall.

Ich erinnere mich an einen Tag, wo ich einer Bettlerin mit Kind eine kleine Spende gegeben habe. Sie bestand jedoch darauf, dass ich lieber Windeln für das Kind kaufen solle statt ihr Bargeld zu geben. Ihr Protest hat mich so genervt, dass ich ihr den Schein wieder weg genommen habe.

Geben braucht jemanden, der nimmt

Natürlich gibt es auch Situationen, wo eine Seite geben möchte und die andere das Geschenk auch gerne haben möchte. Irgendwie. Einerseits. Aber andererseits…

Nehmen mit schlechtem Gewissen ist auch doof

Denn es vermiest den Genuss am Geschenk und verunreinigt die Dankbarkeit. Für beide Seiten.

Ein Beispiel aus meinem Bekanntenkreis. Er, total bodenständig, sicherer Job, gutes Polster auf der Bank. Sie, spielerisch kreativ, mal hier und mal dort unterwegs, auf und ab im Job, Geld wird direkt in Weiterbildungen und Lebensfreude reinvestiert. Nun hat er sie zu einem Wochenendtripp in eine Stadt ihrer gemeinsamen Wahl eingeladen. Sie hat klar gemacht, dass er den Ausflug komplett finanzieren müsste, denn sie hat das Geld gerade nicht übrig. Er sagt ja, kein Problem. Ist es bei seinem Kontostand auch nicht.

Dennoch hat sie ein schlechtes Gewissen und windet sich um dieses Geschenk. „Kann ich das denn annehmen?“ fragt sie sich. „Das kann ich doch gar nicht zurückgeben!“

Wenn sie nun mit diesen schlechten (und undankbaren) Gedanken mit ihm weg fährt, vermindert sie ihren Spaß am Ausflug. Sie kann ihn nicht genießen und wenn sie permanent (krampfhaft) nach Möglichkeiten sucht, zumindest im Kleinen etwas zurückzugeben, kann sich Dankbarkeit schlecht in ihr ausbreiten. Und wie viel Spaß hat er dann am Ausflug mit ihr? Ich stelle mir das ungefähr so vor:

Er: „Wie wäre es mit einem Hotel in der Innenstadt, nahe an den Sehenswürdigkeiten?“

Sie: „Ach, das ist so teuer. Lass uns lieber dieses günstige am Stadtrand nehmen. Dann brauchen wir zwar jeden Tag eine Stunde, um ins Zentrum zu kommen, und es hat auch nur Einzelbetten, aber wir sparen 30 Euro pro Nacht!“

Er denkt sich: Ich würde mich lieber morgens noch eine Stunde mit dir durch ein bequemes, breites Bett wälzen…

Oder

Er: „Schau mal, dieses Restaurant sieht total gut aus. Und wie das duftet! Lass uns doch hier essen gehen.“

Sie, ihr Magen knurrt: „Ach weißt du, eigentlich habe ich gar nicht so viel Hunger. Schau mal, dort gegenüber ist eine Bäckerei. Die haben bestimmt belegte Brötchen!“

Er folgt ihr widerstrebend und wirft noch einen sehnsüchtigen Blick zurück zu den vollen Tellern der Gäste, die es sich sichtlich schmecken lassen…

Oder

Er: „Schatz, lass uns den Eiffelturm besteigen und Paris von oben bewundern! Bald ist Sonnenuntergang, das ist bestimmt wunderschön!“

Sie: „Du gibst doch schon so viel Geld für mich aus. Fahr doch alleine hoch, ich warte hier. Du kannst mir ja später berichten, wie die Aussicht ist.“

Welch ein Spaß. Für beide Seiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich das gemeinsame Wochenende so vorgestellt hat, als er sie einlud. Und sie hat aufgrund ihres schlechten Gewissens kaum Raum, dankbar für die Einladung und die gemeinsamen Erlebnisse zu sein.

Was ihr helfen könnte

Ich bin mir sicher, dass die Freundin einen großen Beitrag zu einem gelungenen Wochenendausflug hat. Denn ihr Freund ist bisher nicht sehr reisefreudig gewesen. Ihr Organisationstalent und ihr Orientierungssinn sind eine Erleichterung für jede Ausflugsplanung. Ihre Sprachkenntnisse und bisherigen Reiseerfahrungen machen es möglich, auch im Ausland gut zurechtzukommen. Was für ihn eine große Anstrengung wäre, schüttelt sie einfach so aus dem Ärmel.

Nicht alles muss eins zu eins zurückgegeben werden

Was er finanziell für die Reise beisteuert, macht sie durch ihre Freude an der Reise und ihre Abenteuerlust wett. Erst ihre Anwesenheit macht den Kurzurlaub für ihn wirklich schön. Ohne sie würde er die Reise nicht unternehmen, sich die fremde Stadt nicht anschauen. Ihm würden viele Sehenswürdigkeiten und eine Menge Spaß entgehen. Und er genießt es einfach, sie glücklich zu machen.

Sie kann erkennen: Ohne sie würde der Urlaub auch für ihn nicht stattfinden. Sie leistet einen wichtigen Beitrag. Geld muss nicht mit Geld zurückgegeben werden. Wenn beide Geld in das Abenteuer Reisen einbringen würden, jedoch der Rest (ihr Anteil) fehlte, säßen beide auf einem Batzen Geld – daheim. Als beide von einem Berg auf die Stadt hinab schauen, seufzt sie dankbar „Ohne dich wäre ich jetzt nicht hier.“ Und er antwortet: „Das habe ich diese Tage schon soo oft gedacht! Ohne dich wäre ich vermutlich niemals hierher gefahren.“

Der größte Dank, den sie empfinden und den sie ihm zeigen kann, ist der volle Genuss des Geschenks. Ohne Reue, ohne wenn und aber.

Nicht immer muss man etwas zurückgeben, wenn man ein Geschenk erhält. Ein Ausgleich kann auch anders aussehen und zu einem anderen Zeitpunkt in anderer Form stattfinden.

Weitergeben statt zurückgeben

Das ist eine andere Möglichkeit, etwas anzunehmen, was sich nicht direkt ausgleichen lässt. Ich glaube, dass das Leben eine Art Kreislauf ist. Wir bekommen von einer Person und geben einer anderen. So, wie wir einst von unseren Eltern bekamen und dann an unsere Kinder weitergeben. Im großen Ganzen des Lebens gleicht es sich aus.

Ich habe einmal ein großartiges Geschenk erhalten, das ich zunächst gar nicht annehmen wollte (mein schlechtes Gewissen und so). Es hat mir eine meiner Weiterbildungen ermöglicht, ohne die ich heute nicht dort stehen würde, wo ich stehe. Sie hat einen wesentlichen Anteil daran, dass ich heute Menschen in ihrem Leben begleiten und unterstützen kann, so, wie ich es tue. Ich bin sehr dankbar, dass ich es angenommen habe, denn nun kann ich sehr viel weitergeben.

Damals hatte ich große Bedenken, dieses großartige Geschenk anzunehmen. Doch dann sagte eine Freundin zu mir:

Ich gebe sehr gerne – doch dazu braucht es auch jemanden, der nimmt

Wohin mit Geschenken, wenn keiner nehmen mag? Es braucht einfach beide Seiten.

Deshalb war ich auch sehr froh, dass ich nach meinem Besuch bei Oma noch ein Treffen mit einigen Kolleginnen hatte. Die habe ich spontan mit Kuchen überrascht und sie haben sich sehr gefreut. Und die Brombeeren waren gar nicht sauer.

Wenn ich das nächste Mal ein Geschenk bekomme, ein großes, teures vielleicht, oder ein unerwartetes, dann möchte ich mich einfach darüber freuen und dankbar sein für die Fülle des Lebens. Diese Einstellung erleichtert nehmen und geben. Ein schlechtes Gewissen hingegen hilft überhaupt nicht. Niemandem.

Wenn dir jemand das nächste Mal ein tolles Geschenk macht, sei dankbar und freu dich darüber. Einfach so. Du kannst später etwas zurückgeben, wenn es sich ergibt. Oder wirst woanders etwas weitergeben. Darum geht es hier und jetzt nicht. Das Leben gleicht aus. Jetzt genieße, etwas zu bekommen.

4 Comments on “

  1. Ich habe vor Kurzem Goldohringe von meiner Freundin geschenkt bekommen.
    Nachdem ich dieses teure Geschenk angenommen hatten, sagt sie mir regelmäßig wie gut sie mir stehen.
    So soll es sein. LG Vera

    1. Hallo Vera,
      sehr schön! Ich hoffe, du freust dich ebenso sehr über die Ohrringe wann immer du sie trägst 🙂
      Viele weitere schöne Geschenke wünscht dir
      Merve

  2. Liebe Merve, danke fürs Teilen Deiner Gedanken. Ich mag Deine Art, die Dinge anzusprechen. Schön klar und mit Herz.
    Geben und Nehmen ist echt ein heißes Thema. Das Leben schickt uns immer wieder Lernmöglichkeiten. Gut, dass es Coachs wie Dich gibt.
    Ich wünsche Dir genussreiches „Spielen“ mit den Möglichketen Deiner Website. Deine Zeichnungen finde ich Klasse!!!
    Fühl Dich umarmt!
    Deine Eva Luna, http://www.herz-botschafterin.de

    1. Hallo liebe Herzbotschafterin, hallo Eva!
      Vielen Dank für deine lieben Worte. Ich freue mich, dass dir der Artikel gefällt! Der nächste ist in Arbeit, es wird – passend zu meiner aktuellen Challenge – um „Arschloch-Geschenke“ gehen.
      Ich freue mich, wieder von dir zu lesen, auch auf deinem Blog. Bis dahin viele Grüße und eine liebe Umarmung zurück
      Merve

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