„Wow! Sie sind wohl ein Arsch-Engel?!“

Nur weil ich Coach bin, muss ich nicht immer freundlich oder gar verständnisvoll sein

herzrocker-de_arsch-engelKürzlich fuhr ich mit einem Fernreisebus von Bielefeld nach Hamburg. Der Bus war rappelvoll und beim Einstieg wurde sofort klar, dass ich mir die erhoffte Ruhe, irgendwo hinten allein auf einem Zweiersitz, abschminken konnte. Also sah ich mich um und entdeckte einen freien Platz am Fenster. Nur eine grimmig dreinschauende Frau trennte mich von ihm. Als ich sie bat, Platz nehmen zu können, verdrehte sie genervt die Augen. „Muss das sein?“ Eine leichte Duftwolke stieg mir in die Nase. Wollte ich wirklich hier sitzen? Verzweifelt hielt ich nach dem letzten freien Platz Ausschau, den ich irgendwo hinten im Bus vermutete. Hatte ich eine Alternative?

Mein Zögern schien die Frau zu nerven. „Wollen Sie jetzt hier sitzen oder nicht?“ drängelte sie.

„Na, Sie haben ja gute Laune“ versuchte ich, die Atmosphäre ein wenig aufzulockern, und setze mich.

„Ja genau, ich habe schlechte Laune. Und die lasse ich an Ihnen aus!“ kam die giftige Antwort. „Aber ich will da jetzt auch kein Thema draus machen.“

„Ich habe den Eindruck, das haben Sie bereits“ erwiderte ich irritiert. Woher kam denn bitte diese miese Unhöflichkeit?

„Bis wohin fahren Sie denn?“ fragte meine Sitznachbarin.

„Nach Hamburg“ antwortete ich.

„H-A-M-B-U-R-G??“ Sie sah mich angeekelt an als hätte ich die Pest oder so etwas.

„Und Sie?“ – „Bremen.“ Angewidert drehte sie sich weg.

Na besten Dank auch! Ich hatte auch keine Lust, so lange neben dieser muffigen Frau zu sitzen!

 

In mir brach das innere Theater los

– „Was habe ich der denn getan?“ fragte die Gekränkte.

– „Nix, die hatte vorher schon schlechte Laune, weiß der Fink warum. Du bist nur das Ventil.“ Das war der beruhigende Teil, natürlich schön verkopft, bloß nichts fühlen.

– „Aber heißt es nicht immer, sowas hat auch was mit dir zu tun?“ Der innere Coach, ja klar, immer schön alles bei sich selbst suchen. Weil die Welt sich ja nur um mich dreht.

– „Was denn bitte? Die war doch schon unfreundlich, da hatte ich mich noch nicht einmal hingesetzt.“ Klärte der Analytiker in mir.

– „Genau, die hätte jeden so behandelt – wahrscheinlich war der Platz deshalb noch frei. Die anderen sind lieber an ihr vorbei gegangen.“ ergänzte die Trösterin.

– „Diese blöde Mistkuh!“ schimpfte die Gekränkte. Meine eben noch gute Laune war dahin.

– „Wenn das zu etwas gut war, dann dazu, auch mal die böse Seite in dir zu trainieren! Warum hast du ihr nicht gesagt, dass du auch keine Lust hast, bis Bremen neben ihr zu sitzen? Sie riecht unangenehm!“ Na toll, jetzt fing ich auch noch an, mich deswegen zu beschimpfen. Das war nicht hilfreich!

– „Aber aber“ schlichtete sogleich der Coach. „Solltest du es nicht besser wissen? Ein wenig Verständnis haben? Ist doch offensichtlich, dass ihr Problem schon vorher bestand. Was auch immer es ist, das sie zu diesem Verhalten bringt.“

– „NEIN!!!“ riefen die anderen Stimmen im Chor. Du bist hier nicht im Dienst. Du hast keinen Auftrag. Es ist Feierabend. W-o-c-h-e-n-e-n-d-e. Du bist noch viel zu freundlich!“

 

Genau. AUCH ICH darf wütend sein und verletzt und das auch zeigen. Oder, wenn ich es schon für mich behalte, zumindest nicht freundlich sein. Noch weniger muss ich immer für jeden und alles Verständnis haben.

 

Fasziniert übernahm ich die Beobachterrolle

Ich lauschte, welche Stimmen, Meinungen und Bedürfnisse da in mir auftauchten. Wie es sich anfühlte. Ja, verdammt, ich war gekränkt! Am liebsten hätte ich dieses Gefühl gleich wieder weg geschoben, und doch versuchte ich, es auszuhalten.

Prompt tauchte Ärger auf. Darüber, dass ich dieses Gefühl hatte und darüber, dass ich es nicht haben wollte. Doch noch mehr ärgerte ich mich darüber, dass ich mich nicht entschiedener gegen die Attacken dieser Frau wehrte.

Hier war eine Gelegenheit, an einem wildfremden Objekt zu üben für mich einzustehen, ohne die Gefahr, dass ich ihr später ständig wieder über den Weg laufen würde und dieser Konflikt zu einem Dauerbrenner werden könnte. Und ich ließ diese Gelegenheit verstreichen, während Wut und Kränkung innerlich tobten.

 

„Wozu ist das gut?“

fragte ich mich ein wenig später. – „Ganz klar: du willst andere lehren, gut für sich zu sorgen. Hier ist deine Chance, selbst mit gutem Vorbild voran zu gehen. Such dir den letzten freien Sitzplatz und verharre hier nicht die nächsten Stunden.“

Während ich noch überlegte, wie ich das am besten anstellen könnte, ob ich noch verbal zurückbeißen wollte oder ob es nicht die größere Strafe für die andere wäre, wenn ich bliebe und sie nicht zwei Sitzplätze für sich bekäme etc. pp., löste sich mein Problem.

Meine Sitznachbarin fragte ein mit mir eingestiegenes Mädchen auf der anderen Gangseite, ob sie Plätze tauschen würde. Dann könne sie auch neben ihrer Freundin sitzen. Natürlich war sie super freundlich dabei. Musste ja nochmal betont werden, dass ihre schlechte Laune sich nur gegen mich richtete.

Gute Idee! Das Mädchen willigte ein und ich wurde erlöst.

 

Weshalb erzähle ich dir das?

Zum einen möchte ich dir zeigen, dass auch wir Coaches nicht immer verständnisvoll sind. In erster Linie sind wir auch Menschen. Menschen mit Bedürfnissen und mit Gefühlen. Und die stehen manchmal im Widerspruch zu denen unserer Mitmenschen.

Wir müssen auch nicht immer verständnisvoll sein. Schließlich erzähle ich meinen Kunden doch immer wieder, dass sie auch mit ihrer Wut, ihrer Trauer, ihrer Angst in Kontakt kommen und ihnen Raum geben sollen. Das gilt auch für mich! Also meine Wut anschauen und bejahen. Sie auch mal bewusst  zulassen und zu zeigen.

Dies ist ein Plädoyer dafür, zu seinen Gefühlen und Bedürfnissen zu stehen und sie auch auszudrücken. Und wenn wir sie im ersten Schritt „nur“ annehmen und ansehen, um sie beim nächsten Mal auch nach außen zu bringen.

Wir können Gelegenheiten wie diese nutzen, unsere Innenwelt zu erkunden und zu schauen, was da gerade los ist. Eine Chance, alle auftretenden Gefühle und Gedanken wahrzunehmen. „Ja, so geht es mir gerade.“ Wir können ergründen, welche Bedürfnisse wir haben. Und dann entscheiden, welchem Bedürfnis wir auf welche Weise Ausdruck verleihen möchten.

Bitte angemessen, nicht so, wie die Frau im Bus es tat. Ihr im Gegenzug eine reinzuhauen oder sie zumindest vom Sitz zu schubsen, wäre übertrieben gewesen. Aufzustehen und durch den Bus zu schreien „Herr Busfahrer, ich will nicht neben dieser Frau sitzen! Sie stinkt!!“ ebenfalls. Auch wenn ein kleiner Teil in mir das gerne getan hätte… Auch Coaches haben Gefühle.

 

Diese Situation war ein „Arschloch-Geschenk“

Das ist der andere Aspekt, den ich gerne mit dir teilen möchte. Es gibt Situationen, in denen uns das Leben keine Freude macht. Manchmal ist es echt scheiße – und damit meine ich jetzt nicht die Momente, wo wir von wildfremden Leuten im Bus angepöbelt werden.

Tief innen drin glaube ich, dass diese Situationen zu etwas gut sind. Sie möchten uns etwas lehren, uns vor etwas bewahren und uns an einen bestimmten Punkt bringen, den der Masterplan für uns vorsieht. Nicht immer erkennen wir das. Manchmal erfahren wir es nie. Weil wir nicht wissen, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn dieses oder jenes anders gekommen wäre.

Ok, ich schweife ab. Ich suchte also nach dem Geschenk in der Situation.

Es hat sich echt beschissen angefühlt. Ich war traurig und wütend. Auf mich selbst und auf diese Frau. Da hatte mein innerer Coach gut was zu tun. Wie kam ich da jetzt wieder aus dem Gefühlsstrudel, ohne die Situation zu verdrängen? War es das Geschenk, genau das zu üben? Die Chance, meine Innenwelt wieder ein bisschen besser kennen zu lernen?

Robert Betz würde sagen, das Leben schickt uns einen Arsch-Engel, der unsere verdrängten Gefühle hoch holt und uns hilft, zufriedener zu werden. Wenn es uns gelingt, unsere Reaktionen zu erkennen und zu verändern.

Nun, zufrieden war ich gar nicht. Im Gegenteil, trotz allen Nachdenkens fühlte ich mich beschissen. Und der Spruch mit dem Arsch-Engel fiel mir dummerweise erst hinterher ein.

 

Erst später erkannte ich das Geschenk in der Situation

Nachdem der Bus eine Stunde später hielt und etwas leerer wurde, stand die Frau auf, streckte ihr Bein, legte es auf einen freien Sitz und massierte es, leise aufstöhnend.

„Ah, da lag vermutlich ihr Problem“ dachte ich mir. Und ich stellte fest, dass ich Mitgefühl für sie empfand. Ein kleines bisschen nur, doch es war echtes Mitgefühl. Kein eingeredetes „dafür müsstest du jetzt Verständnis haben“.

Der immer noch gekränkte Teil in mir fuhr sogleich hoch „Nein! Die war unhöflich. Jetzt bedaure sie nicht noch oder nimm sie gar in Schutz! Du musst kein Mitgefühl haben, verdammt nochmal!“

Nein, muss ich nicht. Aber ich kann. Aus meinem tiefsten Herzen heraus. Und das berührt mich. Was für ein Geschenk!

 

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